Winterreifen: was gilt und was zu Ihrem Auto passt
Nur das Alpine-Symbol zählt, M+S allein reicht seit dem 1. Oktober 2024 nicht mehr. Hier steht, was die Winterreifenpflicht verlangt, was ein Verstoß kostet und welcher Reifen zu welchem Auto passt.
Von Merle Hansen, aktualisiert am 30. Oktober 2026

60 Euro und ein Punkt in Flensburg: So viel kostet es mindestens, bei Schneematsch mit Sommerreifen erwischt zu werden. Wer dabei andere behindert, zahlt 80 Euro, bei einem Unfall 120 Euro, und die Kaskoversicherung schaut sich den Fall genauer an. Einen Stichtag im Kalender kennt das Gesetz dafür nicht, nur eine Wetterlage.
Am Morgen des 1. Oktober 2024 stand ein Mann mit einem Skoda Fabia Combi vor der Werkstatt in Hemelingen. Sein Winterreifensatz trug die DOT-Nummer 2315, hatte noch 5,5 mm Profil und den Aufdruck M+S, aber keine Schneeflocke. „Die sind doch fast neu“, sagte er. Ole Brinkmann drehte den Reifen zur Seite: Baujahr 2015, neun Jahre alt, und seit diesem Tag bei Schnee und Eis kein Winterreifen mehr im Sinne der Straßenverkehrs-Ordnung. Der Mann kaufte vier neue.
Welche Reifen im Winter zu Ihrem Auto passen, hängt weniger vom Kalender ab als von Größe, Gewicht und Geschwindigkeitsindex. Die Rechtslage lässt sich in fünf Minuten klären, die Auswahl braucht etwas mehr Überlegung.
Winterreifenpflicht: was § 2 Abs. 3a StVO verlangt
In Deutschland gilt eine situative Winterreifenpflicht (§ 2 Abs. 3a StVO). Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte dürfen Sie nur fahren, wenn alle vier Räder Reifen mit Alpine-Symbol tragen. Einen festen Termin gibt es nicht: Maßgeblich ist die Fahrbahn, nicht der Monat.
Die Formel „von Oktober bis Ostern“ ist eine Faustregel der Werkstätten, kein Gesetz. Sie funktioniert, weil sich die Wetterlage zwischen November und Februar nicht verlässlich ankündigt: Ein Morgen mit Reifglätte auf der Brücke genügt, und der Sommerreifen ist plötzlich ein Verstoß.
| Verstoß | Bußgeld | Punkte |
|---|---|---|
| Fahrer, ungeeignete Reifen bei winterlichen Verhältnissen | 60 Euro | 1 |
| Fahrer, dabei andere behindert | 80 Euro | 1 |
| Fahrer, dabei andere gefährdet | 100 Euro | 1 |
| Fahrer, mit Unfallfolge | 120 Euro | 1 |
| Halter, der die Fahrt anordnet oder zulässt | 75 Euro | 1 |
Dazu kommen Gebühren und Auslagen des Verfahrens, und Fahrer und Halter können nebeneinander belangt werden. Passiert ein Unfall auf Schneematsch mit Sommerreifen, prüft außerdem Ihre Kaskoversicherung, ob die Bereifung zum Schaden beigetragen hat. Eine Kürzung der Leistung ist möglich, vor allem bei grober Fahrlässigkeit, und hängt vom Einzelfall ab.
Alpine-Symbol statt M+S: woran Sie einen Winterreifen erkennen
Ein Winterreifen im Sinne des Gesetzes trägt das Alpine-Symbol, ein Bergpiktogramm mit Schneeflocke (3PMSF). So definiert es § 36 Abs. 4 StVZO nach UN-Regelung Nr. 117. Reifen, die nur M+S auf der Flanke haben, gelten seit dem 1. Oktober 2024 bei winterlichen Straßenverhältnissen nicht mehr als Winterreifen.
Die Übergangsfrist betraf Reifen, die vor dem 1. Januar 2018 hergestellt wurden. Für alles Jüngere war das Symbol ohnehin vorgeschrieben. Ein M+S-Aufdruck neben dem Symbol schadet nicht, viele gute Winterreifen tragen beides. Der Fabia-Fahrer hatte einen Reifen aus der alten Regelwelt: Sein Profil half ihm nicht, denn maßgeblich ist das Kennzeichen, nicht die Millimeter.
Das Symbol sagt etwas über die Haftung im Schnee, nicht über Eis. Wie gut ein Reifen auch auf Eis greift, zeigt, wenn der Hersteller es angibt, das Eispiktogramm auf dem EU-Label nach Verordnung (EU) 2020/740.
Winterreifen nach Auto: schmal, schwer oder schnell
Der richtige Winterreifen hängt am Auto. Ein leichter Kleinwagen fährt im Schnee mit einem schmalen Reifen besser, ein schweres SUV braucht Tragfähigkeit, ein Elektroauto zusätzlich wenig Rollwiderstand. Die Größe geben die Papiere vor, die Bauart nicht.
| Fahrzeugtyp | Beispielgröße | Worauf es im Winter ankommt |
|---|---|---|
| Kleinwagen | 185/65 R15 88H | Schmale Größe, wenn die Papiere sie erlauben |
| SUV | 235/55 R18 104V XL | Tragfähigkeit, Gewicht beim Bremsen |
| Elektroauto | 215/55 R18 99V XL | Rollwiderstand, Winterreichweite |
| Transporter | 215/65 R16 C 109/107T | C-Kennung, Zuladung, Luftdruck |
| Sportwagen | 225/40 R18 92Y XL | Geschwindigkeitsindex und Aufkleber |
Eine alte Werkstattregel stimmt auch aus Sicht der Ingenieurin: Im Schnee greift der schmalere Reifen besser, weil dasselbe Gewicht auf weniger Fläche drückt und die Profilblöcke tiefer eindringen. Beim Polo oder Corsa lohnt deshalb ein Blick, ob die Papiere neben 195/55 R16 auch 185/65 R15 nennen. Die Auswahl für Stadtautos ist bei den Reifen für Kleinwagen beschrieben.
Allrad hilft beim Anfahren, nicht beim Bremsen. Ein VW Tiguan oder Kia Sportage wiegt viel und kommt auf Schnee später zum Stehen als ein Polo, auch mit vier angetriebenen Rädern. Entsprechend genau sollten Sie bei SUV-Reifen auf den Lastindex der Papiere und das Restprofil achten. Beim Elektroauto kommt der Winter doppelt: Kälte kostet Reichweite, und ein Reifen mit hohem Rollwiderstand kostet noch mehr davon. Worauf es bei den Reifen für Elektroautos ankommt, steht dort im Detail, und alle sieben Fahrzeugtypen nebeneinander finden Sie unter Reifen nach Fahrzeug.
Wer mit einem Passat Variant oder einem BMW 3er Touring im Februar beladen Richtung Harz fährt, braucht den Luftdruck für Beladung (Tankklappe oder B-Säule) und Reifen, die die Last tragen. Größen und Kriterien dafür stehen bei den Reifen für Kombi und Limousine.
Ein Ford Transit Custom im Januar ohne Ladung hat hinten kaum Last auf der Achse und verliert auf Schnee leicht die Spur. Die C-Ausführung mit Winterkennzeichnung gehört dann ebenso aufs Fahrzeug wie ein Sack Streusand im Laderaum. Das ist eine Gewohnheit aus dem Handwerkerhof, kein Gesetz.
Profiltiefe, Alter und Geschwindigkeitsindex
Gesetzlich zählen 1,6 mm (§ 36 Abs. 3 StVZO), für Winterreifen empfehlen wir 4 mm. Darunter verlieren die Rillen die Fähigkeit, Schnee aufzunehmen, und die Haftung auf Schnee fällt schneller ab als auf nasser Fahrbahn. Wie Sie messen, steht unter Profiltiefe.
Winterreifen altern an der Mischung: Das Gummi verhärtet, und ausgerechnet die Weichheit ist ihr Vorteil. Ab sechs Jahren sehen wir genauer hin, und wer gebrauchte Räder kauft, sollte vorher das Reifenalter prüfen, weil das Baujahr an der DOT-Nummer hängt und nicht am Profil.
Eine Besonderheit gibt es beim Geschwindigkeitsindex. Ein Winterreifen darf einen niedrigeren Index haben, als die Papiere für das Auto vorsehen, wenn im Blickfeld des Fahrers ein Schild oder Aufkleber (oder eine Anzeige im Fahrzeug) die zulässige Höchstgeschwindigkeit der Reifen nennt und Sie diese nicht überschreiten (§ 36 Abs. 5 StVZO). Ein Audi A4 mit W-Reifen ab Werk (270 km/h) darf im Winter auf H (210 km/h) stehen, mit einem Aufkleber „210“ am Armaturenbrett. Der Lastindex dagegen darf nie unter dem Wert der Papiere liegen. Beides erklärt die Seite zu Lastindex und Geschwindigkeitsindex mit allen Tabellen. Der Aufkleber ist Teil der Regel, keine Dekoration. Wer ihn klebt und trotzdem 220 fährt, hat das Prinzip auf den Kopf gestellt. Und die Tragfähigkeit verhandeln wir gar nicht: Der Lastindex der Papiere ist die Untergrenze, auch im Winter.
Bei den Reifen für Sportwagen ist die Ausnahme Alltag. Bei großen Rädern wie 305/30 R20 sind Winterreifen mit demselben Index wie im Sommer nicht immer zu bekommen, und oft führt der Weg über einen kleineren Radsatz mit niedrigerem Index und Aufkleber.
Winterreifen kaufen: Label, Test und Segment
Beim Kauf gilt eine feste Reihenfolge, und Marke und Preis stehen am Ende:
- Alpine-Symbol auf der Flanke
- Größe laut Papieren
- Last- und Geschwindigkeitsindex aus den Papieren
- EU-Label mit Nasshaftung und Rollwiderstand
- Marke und Preis
Kaufen Sie vier gleiche Reifen, mindestens aber beide Reifen einer Achse im selben Modell.
Das EU-Label ordnet Rollwiderstand und Nasshaftung in die Klassen A bis E ein. Welche Zeile Ihnen wichtiger sein sollte, hängt vom Wohnort. In Norddeutschland fährt man im Winter häufiger auf nasser Straße als auf Schnee, deshalb schauen wir für Flachlandfahrer zuerst auf die Nasshaftung und dann auf die Schneeeigenschaften. Wer regelmäßig in die Mittelgebirge oder in die Alpen fährt, dreht die Reihenfolge um. Wie viel ein Test für Ihre Größe taugt, zeigt die Anleitung zum Thema Reifentests lesen: Eine Testgröße von 205/55 R16 sagt über 235/55 R19 wenig.
Auch beim Segment kommt es auf das Fahrprofil an. Vergleichstests der Automobilclubs zeigen seit Jahren, dass die Spanne bei Budgetmodellen größer ist als bei Premiumreifen. Wer 8.000 Kilometer im Jahr in der Stadt fährt, kommt mit einem soliden Zweitmarkenreifen oft aus. Wer 25.000 Kilometer mit Autobahn und Dachbox fährt, spart am falschen Ende. Die Abwägung steht unter Premium- oder Budgetreifen.
Wann Sie wechseln und was Winterreifen kosten
Wechseln Sie nach der Faustregel von Oktober bis Ostern, spätestens aber, wenn die Wetterlage es verlangt. In der ersten Schneewoche sind die Werkstatttermine vergeben, und wer dann noch auf Sommerreifen fährt, wartet doppelt: auf den Termin und auf besseres Wetter. Wir würden den Termin im Oktober legen, bevor die Kälte kommt. Was dabei passiert, vom Drehmoment bis zum Nachziehen, beschreibt der Beitrag zum Reifenwechsel.
Rechnen Sie 2026 mit ähnlichen Spannen wie bei Sommerreifen derselben Größe: je Reifen grob zwischen 50 Euro beim Kleinwagen und 450 Euro bei Sportwagen-Dimensionen, die meisten Autos liegen dazwischen. Der Angebotsvergleich unter Reifenkosten rechnet den Preis auf 1.000 Kilometer um. Wer nicht zweimal im Jahr wechseln möchte, kann Ganzjahresreifen mit Alpine-Symbol prüfen: Sie erfüllen die Pflicht, haben aber ihre Grenzen.
Seit dem 1. November 2014 ist ein Reifendruck-Kontrollsystem (RDKS) in neuen Pkw Pflicht. Ein zweiter Radsatz braucht deshalb eigene Sensoren, oder sie werden bei jedem Wechsel umgesetzt und angelernt. Werkstätten berechnen dafür grob 5 bis 15 Euro je Rad. Im Winter sinkt der Druck außerdem mit der Temperatur, rund 0,1 bar je 10 Grad. Den richtigen Wert finden Sie beim Reifendruck.
Im Frühjahr wandern die Winterreifen in die Garage und die Sommerreifen wieder aufs Auto. Gelagert werden sie am besten gereinigt, mit markierter Position und, wenn sie auf der Felge sind, liegend oder hängend.
Häufige Fragen
Ab wann gilt die Winterreifenpflicht?
Es gibt kein festes Datum. Die Pflicht gilt, sobald Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte auf der Fahrbahn liegen. Wer im Oktober bei trockener Straße mit Sommerreifen fährt, verstößt nicht gegen § 2 Abs. 3a StVO, riskiert aber bei Kälteeinbruch genau das.
Reicht es, nur die Antriebsachse mit Winterreifen auszustatten?
Nein. Das Gesetz verlangt Reifen mit Alpine-Symbol an allen Rädern. Ein Mischbetrieb ist außerdem fahrdynamisch riskant, weil Vorder- und Hinterachse unterschiedlich viel Haftung haben und das Auto beim Bremsen oder Ausweichen schiebt oder ausbricht.
Darf ich im Sommer mit Winterreifen fahren?
Ja, verboten ist es nicht. Bei Wärme bremst ein Winterreifen aber spürbar schlechter, der Bremsweg wird vor allem auf trockener Fahrbahn länger, und die weichere Mischung verschleißt schneller. Wir würden die Reifen im Frühjahr tauschen, schon wegen des Verschleißes.
Wie alt darf ein Winterreifen sein?
Eine gesetzliche Höchstgrenze für Pkw-Reifen gibt es nicht. Werkstätten sehen ab sechs Jahren genauer hin, nach acht bis zehn Jahren sollten sie ersetzt werden, auch bei gutem Profil. Das Baujahr lesen Sie an der vierstelligen DOT-Nummer ab.