Reifendruck: der Wert, den Ihre Reifen wirklich brauchen
Der Sollwert steht nicht auf dem Reifen, sondern am Auto. Wo Sie ihn finden, wann Sie messen und was zu viel oder zu wenig Luft bewirkt.
Von Merle Hansen, aktualisiert am 30. Oktober 2026

Der erste Frost kam an einem Dienstag im November, und gegen neun stand eine Kundin im Skoda Fabia vor der Werkstatt von Ole Brinkmann in Hemelingen: Das gelbe Reifensymbol leuchtete. Brinkmann setzte das Manometer an. Hinten links 1,9 bar, der Aufkleber im Türrahmen nannte 2,3. Der Temperatursturz von 18 Grad im September auf minus 3 Grad erklärte etwa 0,2 bar, der Rest war das schleichende Entweichen, das jeder Reifen hat, wenn vier Monate lang niemand nachmisst. Die Warnung war also berechtigt, nur nicht wegen eines Lochs. Aufpumpen musste die Kundin trotzdem: 0,4 bar zu wenig bleiben zu wenig, ganz gleich, wer schuld ist.
Der richtige Reifendruck steht auf einem Aufkleber am Auto, nicht auf dem Reifen. Er gilt für den kalten Reifen und ändert sich mit der Beladung. Wer ihn einmal im Monat prüft, spart Reifenverschleiß, Kraftstoff und im ungünstigsten Fall eine Panne auf der Autobahn.
Auch der beste Satz Reifen verliert an Haftung und Lebensdauer, wenn die Luft nicht stimmt. Der Druck ist deshalb einer der fünf Punkte im Check unter Reifen prüfen, und der, den man am schnellsten behebt.
Wo der Sollwert steht
Den Sollwert nennt der Fahrzeughersteller, und zwar an mindestens einer von drei Stellen: auf einem Aufkleber in der Tankklappe, im Türrahmen auf der Fahrerseite (B-Säule) oder in der Betriebsanleitung. Meist stehen dort mehrere Werte, geordnet nach Reifengröße, Vorder- und Hinterachse sowie Beladung.
Auf der Reifenflanke finden Sie ebenfalls eine Zahl, „MAX. PRESS.“ mit zum Beispiel 350 kPa. Das ist der Höchstdruck, den der Reifen aushält, kein Sollwert. Wer sich daran orientiert, fährt mit steinharten Reifen. Auch die Einheiten sorgen für Verwirrung: Autos nennen den Wert in bar, Reifenflanken in kPa, Tankstellen oft zusätzlich in psi. Die Umrechnung ist einfach, 1 bar sind 100 kPa oder rund 14,5 psi, sodass 2,3 bar 230 kPa und etwa 33 psi entsprechen.
Kalt messen: Uhrzeit, Temperatur, Handgriffe
Kalt heißt: Der Reifen hat höchstens wenige Kilometer hinter sich oder stand mehrere Stunden. Nach einer Autobahnfahrt liegt der Druck um einige Zehntel bar höher als im kalten Zustand, und wer dann Luft ablässt, steht am nächsten Morgen mit zu wenig da. Der ADAC empfiehlt, bei einer Außentemperatur um 20 Grad zu messen. Als Faustregel ändert sich der Druck um rund 0,1 bar pro 10 Grad Temperaturunterschied; Continental nennt eine Spanne von 0,07 bis 0,14 bar. Wer im September auf 2,3 bar füllt und im Januar bei minus 5 Grad misst, findet also ohne jedes Leck gut 0,2 bar weniger.
- Ventilkappe abschrauben und in die Tasche stecken, nicht auf den Boden legen.
- Manometer gerade und fest aufs Ventil drücken, bis das Zischen aufhört.
- Wert ablesen und mit dem Aufkleber vergleichen.
- Fehlende Luft in kurzen Stößen nachfüllen und zwischendurch erneut messen.
- Kappe wieder aufschrauben, sie hält Schmutz vom Ventil fern.
Alle vier Räder gehören dazu, und beim Reserverad lohnt der Blick ebenfalls. Der Wert für das Notrad steht auf demselben Aufkleber und liegt deutlich höher als der der Hauptreifen. Die Anzeige an der Tankstelle weicht mitunter ab, ein eigenes Manometer lohnt sich deshalb. Der ADAC rät zu einer Kontrolle etwa alle zwei Wochen; wir halten einmal im Monat für das Minimum und zusätzlich vor jeder langen Fahrt.
Beladung, Anhänger, Urlaub
Bei einem Kompaktwagen stehen auf dem Aufkleber häufig zwei Zeilen, zum Beispiel 2,3 bar für die normale Beladung und rund 0,3 bar mehr für volle Beladung. Wer mit vier Personen, Koffern und Dachbox in den Urlaub fährt, muss die zweite Zeile nehmen, am besten schon am Vortag, solange die Reifen kalt sind. Hinterachse und Anhängerbetrieb brauchen oft die höheren Werte, weil dort die Stützlast aufliegt. In einzelnen Fällen verlangen Hersteller bei dauerhaft hohem Tempo zusätzlich mehr Druck; das steht dann ebenfalls im Aufkleber oder in der Anleitung.
Wie sich das bei einem vollgepackten Familienauto auswirkt, steht bei den Reifen für Kombi und Limousine, wo Zuladung und Luftdruck eigens behandelt werden. Winterreifen bekommen übrigens denselben Wert wie Sommerreifen, sofern der Aufkleber nichts anderes sagt. Luft ablassen, um im Schnee mehr Grip zu bekommen, ist ein hartnäckiges Gerücht: Der Hersteller gibt den Sollwert vor, und der gilt auch bei Schnee.
Elektroautos und schwere SUV verlangen wegen ihres Gewichts oft höhere Werte als vergleichbare Verbrenner. Faustregeln helfen hier nicht weiter, der Aufkleber im eigenen Auto hat immer Vorrang. Wer einen Anhänger zieht, sollte außerdem prüfen, ob für das Gespann eine eigene Zeile existiert.
Zu wenig, zu viel: was falscher Druck kostet
Ein unterfüllter Reifen walkt stärker, erwärmt sich und verschleißt an den Schultern. Ein überfüllter Reifen hat weniger Auflagefläche, poltert und nutzt die Mitte ab. Beides geht schleichend, und deshalb merken die wenigsten etwas, bevor das Profil ungleich abgefahren ist. Beim Kraftstoff schwanken die Angaben je nach Quelle: Schon 0,2 bar zu wenig kosten ein bis drei Prozent mehr. Bei einem Auto mit 6 Litern auf 100 Kilometern sind das zwischen 0,06 und 0,18 Liter zusätzlich auf der Strecke, und auf 15.000 Kilometern im Jahr summiert sich das auf 9 bis 27 Liter.
| Aspekt | Zu wenig Luft | Zu viel Luft |
|---|---|---|
| Abrieb | beide Schultern stärker | Laufflächenmitte stärker |
| Verbrauch | höher durch mehr Rollwiderstand | etwas niedriger, aber kein Gewinn |
| Fahrverhalten | schwammige Lenkung, längerer Bremsweg | weniger Haftung in Kurven, Springen |
| Komfort | kaum Unterschied | härter, poltert über Fugen |
| Sicherheit | Hitze durch Walkarbeit, Platzergefahr | geringere Aufstandsfläche, Aquaplaning früher |
Das gefährlichere der beiden Probleme ist zu wenig Luft, weil es unbemerkt bleibt: Ein dauerhaft unterfüllter Reifen erhitzt sich auf der Autobahn und kann plötzlich versagen. Wie ein solcher Schaden aussieht und was sich daran noch reparieren lässt, beschreibt der Beitrag zu den Reifenschäden. Das Abriebbild zeigt, wie lange der Fehler schon besteht; was es über Druck und Achse verrät, steht bei der Profiltiefe. Jahrelang habe ich nach Gefühl nachgefüllt. Dann hat mir ein Bekannter ein Manometer in die Hand gedrückt: Hinten rechts fehlten 0,6 bar, und die Reifen waren dort an den Schultern glatt. Seitdem messe ich am ersten Samstag im Monat.
RDKS: die Warnleuchte ersetzt kein Manometer
Seit dem 1. November 2014 müssen alle neuen Pkw ein Reifendruck-Kontrollsystem haben. Es gibt zwei Bauarten. Das direkte System steckt Sensoren in die Räder, meist am Ventil, und misst Druck und Temperatur; das indirekte System misst nichts, sondern rechnet: Es vergleicht über die ABS-Raddrehzahlen, ob sich ein Rad schneller dreht, weil sein Reifen kleiner geworden ist.
Wann die Leuchte angeht, legt jeder Hersteller selbst fest. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass sie schon bei kleinen Abweichungen warnt; beim Skoda Fabia hatte erst ein Minus von 0,4 bar den Alarm ausgelöst. Nach dem Aufpumpen müssen indirekte Systeme in der Regel zurückgesetzt werden, per Taste oder im Bordmenü, wie es die Anleitung beschreibt. Die Sensoren des direkten Systems haben Batterien mit endlicher Lebensdauer; was ein Sensortausch kostet, steht in der Übersicht zu den Reifenkosten.
Stickstoff: eine Randnotiz
Stickstoff in den Reifen steht an manchen Werkstattwänden als Sonderangebot. Der ADAC sieht darin kaum Vorteile, und auch Continental erkennt keinen eindeutigen Nutzen bei Rollwiderstand, Verbrauch oder Alterung. Normale Luft besteht ohnehin zu rund 78 Prozent aus Stickstoff. Wir halten die Füllung für verzichtbar: Das Geld ist in einem eigenen Manometer und einem regelmäßigen Termin besser angelegt.
Häufige Fragen
Wie viel Druck gehört in Winterreifen?
Derselbe Wert wie in Sommerreifen, sofern der Aufkleber im Auto nichts anderes nennt. Im Winter sollten Sie nur häufiger messen, denn die Kälte senkt den Druck, und Ihr Reifendruck-Kontrollsystem warnt dann vielleicht erst spät.
Darf ich bei warmen Reifen Luft ablassen?
Nein. Nach einer Fahrt ist der Druck erhöht und fällt beim Abkühlen von selbst auf den Normalwert. Wer dann ablässt, hat am nächsten Morgen zu wenig. Messen Sie bei warmen Reifen nur zur Orientierung und korrigieren Sie nach dem Abkühlen.
Muss ich nach dem Aufpumpen das RDKS zurücksetzen?
Bei indirekten Systemen in der Regel ja, per Taste oder im Bordmenü; bei direkten Systemen meist nicht. Was für Ihr Auto gilt, steht in der Betriebsanleitung. Bleibt die Leuchte nach dem Aufpumpen an, prüfen Sie zuerst alle vier Räder noch einmal, bevor Sie einen Defekt vermuten.
Was tun, wenn der Aufkleber fehlt?
Schauen Sie in die Betriebsanleitung, wo die Werte nach Reifengröße geordnet sind. Fehlt auch die, kann eine Werkstatt oder ein Händler den Herstellerwert in der Regel anhand Ihrer Fahrzeug-Identifikationsnummer nachschlagen. Allgemeine Tabellen an der Tankstelle taugen nur als Notbehelf.