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Ganzjahresreifen: für wen sie reichen

Mit Alpine-Symbol erfüllen Ganzjahresreifen die Winterreifenpflicht. Wie gut sie zu Ihrem Auto und Ihren Kilometern passen, zeigen Fahrprofil und eine Rechnung über vier Jahre.

Von Merle Hansen, aktualisiert am 30. Oktober 2026

Dunkelblauer Kompaktwagen fährt auf nasser Landstraße durch Herbstlaub, das Vorderrad wirbelt Wasser auf

Ein Leser aus Delmenhorst fährt einen VW Polo, 7.800 Kilometer im Jahr: Wege zwischen Wohnort und Bremer Innenstadt, einmal im Sommer zur Familie nach Dresden. Er schrieb uns und fragte, ob sich der zweite Radsatz noch lohnt. Wir haben für ihn gerechnet, und die Antwort fiel eindeutig aus: nein, ein Satz Ganzjahresreifen mit Alpine-Symbol genügt. Seinem Kollegen mit dem Skoda Kodiaq, der jeden Februar mit Skiern auf dem Dach in den Harz fährt, hätten wir das Gegenteil geraten.

Das ist die Haltung dieser Seite. Ganzjahresreifen sind weder Mogelpackung noch Wunderreifen, sondern ein Kompromiss. Wie gut er zu Ihnen passt, hängt an Auto, Strecke und Wohnort. Was gute Reifen für Ihr Auto leisten, steht selten auf dem Etikett.

Was ein Ganzjahresreifen kann

Ein Ganzjahresreifen mit Alpine-Symbol erfüllt die Winterreifenpflicht (§ 2 Abs. 3a StVO) und darf das ganze Jahr auf dem Auto bleiben. Reifen, die nur M+S tragen, genügen bei winterlichen Straßenverhältnissen seit dem 1. Oktober 2024 nicht mehr.

Namen wie CrossClimate, Vector 4Seasons oder AllSeasonContact sind Modellnamen, kein Gütesiegel. Maßgeblich ist allein das Symbol, nicht die Aufschrift „Allwetter“ oder „4 Seasons“.

Technisch liegt die Mischung zwischen Sommer- und Winterreifen, das Profil hat mehr Lamellen als ein Sommerreifen und weniger als ein Winterreifen. Das Ergebnis ist ein Reifen, der im Schnee hinter einem guten Winterreifen zurückbleibt und bei Hitze und Starkregen hinter einem guten Sommerreifen. Das ist physikalisch kein Mangel, sondern der Preis des Kompromisses.

Groß ist vor allem die Streuung zwischen den Modellen. Vergleichstests der Automobilclubs zeigen seit Jahren, dass gute und schwache Ganzjahresreifen weit auseinanderliegen, und regelmäßig fallen Modelle durch, die Nässe oder Schnee nicht beherrschen.

Das Alpine-Symbol wird nach UN-Regelung Nr. 117 vergeben (§ 36 Abs. 4 StVZO). Der Reifen muss dafür auf Schnee gegenüber einem Referenzreifen eine Mindesthaftung erreichen. Zur Nässe im Sommer oder zum Eis sagt es nichts, und es sagt auch nichts darüber, wie der Reifen bremst, wenn er halb abgefahren ist.

Für wen sie sich lohnen: Fahrprofil und Auto

Ganzjahresreifen lohnen sich vor allem bei wenig Kilometern, im Flachland und auf Kurz- und Mittelstrecken. Je mehr Sie fahren, je schwerer und stärker das Auto ist und je öfter Sie auf Schnee oder in die Hitze Südeuropas unterwegs sind, desto eher gehören zwei Sätze aufs Auto. Eine Faustregel aus den Werkstätten nennt rund 10.000 Kilometer im Jahr als Grenze.

FahrprofilBeispielEmpfehlung
Stadt und Kurzstrecke, Flachland, unter 10.000 km im JahrVW Polo, Toyota YarisGanzjahresreifen sinnvoll
Pendler mit 15.000 bis 20.000 km, viel Autobahn, FlachlandVW Golf, Opel AstraMöglich, Profil im Blick behalten
Regelmäßig Mittelgebirge, Alpen, SkiurlaubSkoda Kodiaq, Hyundai TucsonZwei Sätze
Lange Sommerurlaube, Anhänger, WohnwagenVW Passat Variant mit WohnwagenZwei Sätze
Hohe Leistung, SportwagenPorsche 911, BMW M2Zwei Sätze
Elektroauto im Stadt- und PendelverkehrVW ID.3, Skoda EnyaqMöglich, Rollwiderstand und Tragfähigkeit prüfen

Der klassische Fall sind die Reifen für Kleinwagen: wenig Gewicht, kurze Wege, geringe Anforderungen an das Tempo. Anders sieht es bei Passat Variant oder BMW 3er Touring aus, die beladen im Hochsommer nach Südfrankreich und im Winter in die Alpen fahren. Zuladung, Anhängelast und Tempo sprechen bei den Reifen für Kombi und Limousine eher für zwei Sätze.

Bei einem Coupé mit 450 PS ist die Antwort fast immer dieselbe. Die Reifen für Sportwagen leben vom Temperaturfenster und vom Trockengriff, und beides bietet kein Ganzjahreskompromiss. Welche Größe und welche Kennungen zu welchem Typ gehören, zeigt die Übersicht Reifen nach Fahrzeug.

Beim Elektroauto im Stadt- und Pendelverkehr ist der Ganzjahresreifen ein ernsthafter Kandidat, sofern Größe, Lastindex und XL-Kennung stimmen. Das hohe Gewicht und das sofort anliegende Drehmoment verschleißen jeden Reifen schneller, und ein Reifen, der ohnehin das ganze Jahr läuft, spürt das doppelt. Was bei den Reifen für Elektroautos im Einzelnen zu beachten ist, steht dort.

Und der Transporter? Ein Installateur aus Bremen-Hemelingen fuhr seinen Ford Transit Custom mit rund 35.000 Kilometern im Jahr auf Ganzjahresreifen in C-Ausführung. Nach vierzehn Monaten zeigte die Messuhr 3 mm, bei einem Wagen, der jeden Morgen mit gut 400 Kilogramm Werkzeug und Material vom Hof rollt. Ole Brinkmann riet ihm zu zwei Sätzen, nicht aus Angst vor Schnee, sondern wegen des Verschleißes. Welche Kennungen ein C-Reifen trägt, beschreiben die Transporterreifen.

Die Kundin, die enttäuscht mit Ganzjahresreifen zurückkommt, hat selten das falsche Produkt gekauft. Sie hat ihr Fahrprofil unterschätzt. Wer 25.000 Kilometer im Jahr fährt, mit Dachbox nach Südtirol, fährt auch den besten Ganzjahresreifen deutlich schneller ab als zwei Sätze, die sich die Kilometer teilen.

Reifenhändlerin aus Oldenburg, Fachhandel

Die Grenzen: Schnee, Hitze, Verschleiß

Die Grenzen liegen an den Rändern des Jahres. Bei Schnee und Eis zeigt der Ganzjahresreifen weniger Reserve als ein guter Winterreifen, bei 35 Grad und Starkregen weniger als ein guter Sommerreifen. Und weil er das ganze Jahr läuft, verschleißt er schneller als ein Satz, der sich die Kilometer mit einem zweiten teilt.

Die Hitze unterschätzen viele. Auf der Autobahn bei 35 Grad werden die Profilblöcke eines Ganzjahresreifens weicher als die eines Sommerreifens, der Reifen reagiert träger auf Lenkbefehle, und bei einem schweren Auto spürt man das schneller als bei einem leichten Polo.

Meine Haltung als Ingenieurin: Im Flachland mit wenigen Schneetagen ist der Verlust im Winter selten spürbar, der im Sommer auf nasser Fahrbahn dagegen bei jedem Regenguss. Was 2 m/s² weniger Verzögerung beim Bremsen aus 100 km/h ausmachen, rechnen wir bei den Sommerreifen vor: gut 12 Meter. Bei Schnee gelten die Regeln und das Bußgeld wie bei den Winterreifen, denn mit Alpine-Symbol zählt der Ganzjahresreifen gesetzlich als Winterreifen.

Daraus folgt eine Konsequenz bei der Profiltiefe: Weil der Reifen im Winter ein Winterreifen bleibt, würden wir ihn bei 4 mm tauschen, nicht bei 3 mm wie einen Sommerreifen. Wie Sie das messen, steht unter Profiltiefe. Für Vielfahrer heißt das: Der Austausch kommt früher als gedacht.

Kosten über vier Jahre: zwei Sätze gegen Ganzjahresreifen

Wir rechnen mit einem Kompaktwagen in 205/55 R16, 12.000 Kilometern im Jahr und vier Jahren, also 48.000 Kilometern. Die Reifenpreise setzen wir für alle Varianten gleich an, mit der Spanne für Kompaktwagen von 60 bis 140 Euro je Reifen. Für Montage mit Wuchten setzen wir 60 bis 160 Euro je Satz an, für einen Radwechsel auf einem zweiten Felgensatz 20 bis 50 Euro.

PostenZwei Sätze (Sommer und Winter)Ein Satz GanzjahresreifenZwei Sätze Ganzjahresreifen
Reifen, 4 oder 8 Stück480 bis 1.120 Euro240 bis 560 Euro480 bis 1.120 Euro
Montage und Wuchten120 bis 320 Euro60 bis 160 Euro120 bis 320 Euro
Saisonwechsel, 8 Termine160 bis 400 Euro0 Euro0 Euro
Summe760 bis 1.840 Euro300 bis 720 Euro600 bis 1.440 Euro
Je 1.000 km16 bis 38 Euro6 bis 15 Euro13 bis 30 Euro

Lesen Sie die Spalten Untergrenze mit Untergrenze und Obergrenze mit Obergrenze. Dass wir überall dieselbe Spanne ansetzen, ist eine Vereinfachung, denn im Handel liegen Ganzjahresreifen je nach Modell auf dem Niveau der Sommerreifen oder etwas darüber. Selbst bei 20 Prozent Aufpreis auf die Ganzjahresreifen bleibt die Reihenfolge der Spalten gleich.

Die dritte Spalte gilt, wenn ein Satz Ganzjahresreifen die 48.000 Kilometer nicht übersteht und ersetzt werden muss. Auch dann bleibt das Ganzjahresmodell unter dem Zwei-Satz-Modell, weil die Wechseltermine entfallen. Nicht eingerechnet sind der zweite Felgensatz und die Einlagerung, die je nach Betrieb grob 20 bis 100 Euro pro Saison kostet. Bei Autos mit Reifendruck-Kontrollsystem kommen im Zwei-Satz-Modell Sensoren hinzu, die umgesetzt und angelernt werden müssen (grob 5 bis 15 Euro je Rad). Wer die Reifen stattdessen auf derselben Felge umziehen lässt, zahlt je Wechsel eher 60 bis 160 Euro.

Ganz fair ist die Rechnung nicht, und das gehört dazu. Das Zwei-Satz-Modell ist nach vier Jahren nicht verbraucht: Jeder Satz hat erst 24.000 Kilometer hinter sich. Rechnen Sie länger, schrumpft der Abstand, bis das Alter der Reifen (sechs bis zehn Jahre) die Grenze setzt. Eigene Angebote rechnet der Vergleich unter Reifenkosten auf 1.000 Kilometer um.

Worauf Sie beim Kauf achten

Beim Ganzjahresreifen ist die Modellwahl wichtiger als bei fast jedem anderen Reifen, weil die Spanne zwischen den Modellen groß ist. Auch das Segment macht sich bemerkbar: Billigmodelle zeigen die Schwächen des Kompromisses häufig am deutlichsten, während Premiumreifen ihn meist besser ausbalancieren. Wo die Grenze zwischen sinnvoll günstig und zu billig verläuft, beschreibt die Seite zu Premium- oder Budgetreifen.

Vier Punkte prüfen wir bei jedem Satz:

  • das Alpine-Symbol auf der Flanke (M+S allein genügt nicht)
  • die Nasshaftung auf dem EU-Label (Klassen A bis E), weil der Reifen im Sommer dort am meisten abgibt
  • vier gleiche Reifen mit gleichem Modell auf allen Rädern
  • die DOT-Nummer, die nicht deutlich älter als zwei Jahre sein sollte

Testberichte helfen, wenn man ihre Grenzen kennt. Eine Testgröße, die nicht Ihre ist, sagt über Ihren Reifen weniger, als die Platzierung vermuten lässt. Wie Sie Reifentests lesen und die Ergebnisse auf Ihr Auto übertragen, steht auf der Seite dazu.

Häufige Fragen

Gelten Ganzjahresreifen als Winterreifen?

Ja, wenn sie das Alpine-Symbol tragen, ein Bergpiktogramm mit Schneeflocke. Dann erfüllen sie die situative Winterreifenpflicht nach § 2 Abs. 3a StVO. Reifen mit nur M+S-Kennzeichnung genügen bei winterlichen Straßenverhältnissen seit dem 1. Oktober 2024 nicht mehr.

Wie lange halten Ganzjahresreifen?

Das hängt an Modell, Fahrstil, Auto und Jahresleistung, und eine feste Zahl wäre geraten. Weil der Reifen ganzjährig läuft, nutzt er sich schneller ab als ein Satz, der sich die Kilometer teilt. Wir würden ihn im Winterbetrieb bei 4 mm tauschen, spätestens nach sechs bis zehn Jahren altersbedingt.

Darf ich Ganzjahresreifen und Winterreifen mischen?

Rechtlich genügt das Alpine-Symbol an allen Rädern. Fahrdynamisch ist ein Mischbetrieb trotzdem riskant, weil sich Vorder- und Hinterachse in der Haftung unterscheiden. Montieren Sie auf allen vier Rädern dasselbe Modell, zumindest aber achsweise.

Lohnt der Umstieg, wenn ich schon zwei Sätze besitze?

Nicht sofort. Ein bezahlter Satz mit gutem Profil ist Geld, das Sie nicht noch einmal ausgeben. Sinnvoll wird der Umstieg, wenn die nächsten Reifen fällig sind, und dann entscheidet Ihr Fahrprofil, nicht die Prospektsprache.